Trauerrede nach Suizid: Liebe finden im größten Schmerz
- hannalabita80
- 20. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Jan.

Suizid.
Ich hatte neulich eine Lebensrede über eine Mutter, die den Weg des Suizids gewählt hatte.
Im Vorgespräch: Verzweiflung, Wut und die Stille der Kinder
Ihre beiden Kinder – Teenager – saßen mir im Vorgespräch gegenüber wie versteinert.
Ich habe ihre Verzweiflung, ihre Trauer und auch ihre Wut regelrecht gespürt.
Die drei Schichten der Emotionen bei Hinterbliebenen
Die Verzweiflung, die Mama verloren zu haben.
Die Trauer, sie so so so sehr zu vermissen.
Und die Wut des Nicht-Verstehens.
Warum hat sie uns allein gelassen? Wie konnte sie nur?
Ich konnte die Kinder so gut verstehen. Ich hätte genauso gefühlt als als Kind und als Teenager.
Auch der Vater kam mit der Situation kaum zurecht – wie auch. Er konnte es einfach nicht begreifen.
Die brutale Leere: Wenn die Worte und Tränen fehlen
Die Mama war viele Jahre schwer depressiv, später kamen Psychosen hinzu. Klinikaufenthalte, kleine Schritte vorwärts, dann wieder Rückfälle.
Letztendlich empfand sie ihr Leiden als zu schwer. Sie entschied sich für den Suizid – ohne Abschiedsbrief.
Und dann war ich da – mit diesen drei Menschen. Alle drei waren so verzweifelt und fühlten sich einfach nur leer. Sie konnten nicht weinen, so voller Gefühle waren sie. So voller sich widerstreitender Gefühle. Man konnte es direkt in ihren Gesichtern ablesen.
Ihnen haben schlichtweg die Worte gefehlt. Und auch die Tränen.
Meine Herausforderung: die Rede nach Suizid, die über das Tabu spricht
Wie können Worte da überhaupt helfen – was ja eigentlich mein Anspruch ist?
Die zentrale Botschaft: es war die Krankheit, nicht die Mamaliebe
Ich wusste: ich wollte den Kindern mitgeben, dass ihre Mama das nicht freiwillig getan hat. Dass sie krank war. Ich wollte zeigen, wie stark ihre Mamaliebe war. Und der Suizid nichts mit mangelnder Mamaliebe zu tun hatte. Denn genau das fühlten die Kinder.
Die Rede habe ich vor allem für die Kinder geschrieben. Wort für Wort haben sich die Seiten gefüllt und ich war immer bei ihnen in Gedanken.
Mein größter Wunsch: Sie sollen wieder trauern dürfen
Mein Wunsch war ziemlich groß und vielleicht auch anmaßend. Vielleicht auch kaum umsetzbar, aber ich ließ ihn dennoch nicht aus den Augen. Der hat mich durch die gesamte Rede geführt. Bis sie fertig war:
Ich wünschte mir von Herzen, dass Kinder trauern konnten. Dass sie ihre Gefühle zulassen konnten. Weinen konnten.
Ich wünschte mir von Herzen, dass sie sehen: ihre Mama hat sie liebgehabt. Sie hatte sie nicht verlassen, weil sie nicht mehr die Liebe gespürt hat, sondern weil eine Krankheit dahintersteckte.
Und dann wünschte ich mir so sehr, dass sie irgendwann in irgendeiner Weise Frieden finden – mit sich, mit ihrer Mama, mit dem Leben.
Der Durchbruch: Als die Tränen endlich flossen
Dann kam der Tag der Trauerfeier. Die Traurigkeit war so überwältigend.
Es waren etwa hundert Menschen in der Halle. Bunte Blumen überall. Es sah eigentlich so schön aus. Rosa, weiss, ror, lila, gelb. Es war alles vertreten an Farben, was man sich nur vorstellen konnte. Leise Musik hat im Hintergrund gespielt. Und – Stille. Keine Gespräche wie sonst oft, nur Stille. Es war sehr bedrückend. Fast überwältigend und auch kaum auszuhalten.
Die Geschichte einer mutigen Frau: Vom Kampf bis zur Liebe
Als ich als Trauerrednerin anfing zu sprechen, habe ich die Kinder immer wieder angesehen. Ich wollte mit ihnen reden, nicht vor ihnen. Dabei muss man auch behutsam vorgehen, um die Kinder nicht zu "erdrücken". Unter Druck zu setzen.
Ich erzählte die Lebensgeschichte ihrer Mama – auf meine Weise, sehr leicht, sehr umgangssprachlich. Mit viel Liebe.
Ich hab vom Lachen, das sie verschenkt hat, erzählt.
Von dem, was ihr Herz zum Glühen brachte.
Von der Liebe, die sie gelebt hat.
Aber ich habe auch ihre Krankheit und ihren Tod nicht komplett ausgelassen. Behutsam in eine Geschichte verpackt. Ohne Wertung und ohne Beurteilung.
Weil die Brutalität war ohnehin mit den Händen zu greifen, da braucht es nicht noch Worte, die das aufgreifen.
Ich erzählte die Geschichte einer mutigen Frau. Einer Frau, die sich dem Leben gestellt hat. Die ihre Kinder über alles geliebt hat. Die gekämpft hat – bis sie nicht mehr konnte.
Und da war sie dann plötzlich zum Spüren greifbar – die Liebe. Diese unbeschreibliche Mamaliebe, die in der ganzen Halle fühlbar wurde.
Erleichterung, die Tränen fließen zu lassen
Und dann passierte etwas. Die beiden Kinder begannen zu weinen. Erst begannen sanft, Tränen die Augen zu füllen, dann liefen diese Tränen die Wangen herunter. Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mama. Und ich sah direkt die Erleichterung der noch jungen Körper und Seelen. Erleichterung, die Tränen fliessen lassen zu können.
Sie konnten loslassen. Sie konnten fühlen. Sie konnten trauern. Endlich.
Meine Rede nach dem Suizid war wichtig.
Hinterbliebene nach Suizid brauchen diesen Moment. So dringend.
Mein größtes Geschenk: Ein kleines Rädchen für den Frieden
Am Ende kamen die beiden Kinder zu mir.
Sie umarmten mich. Und ich hab gespürt: sie wussten, sie hatten ihre Mama nicht ganz verloren – sie hatten wieder Zugang zu ihr gefunden. Der Samen, ihrer Mama zu verzeihen war gesät.
Ich habe bis heute Kontakt zu dieser Familie. Ich bin nur ein kleines Rädchen in ihrem großen Ganzen.
Aber ich durfte das Rädchen sein, das half, ein Stück Frieden zu finden.
Und während ich das hier schreibe, weine ich wieder. weil ich diesen Beruf machen darf.
Weil ich weiß: hier bin ich richtig.
Eure Hanna
Schaut auch gerne mein YouTube-Video dazu an:
Du suchst Worte für das Unaussprechliche?
Wenn Du oder Deine Familie nach einem Suizid einen Raum für Eure Trauer und die richtigen Worte für einen würdevollen Abschied brauchst: ich bin für Dich da.
Wir finden gemeinsam einen Weg, um die Liebe und das Leben Deines Angehörigen in den Mittelpunkt zu stellen – ohne die Umstände zu ignorieren.
Lass uns in Ruhe sprechen. Nimm unverbindlich Kontakt mit mir auf.
Solltest Du Hilfe benötigen, wende Dich an die Telefonseelsorge (Deutschland):
0800 / 111 0 111
0800 / 111 0 222




Mich berühren deine Blogbeiträge oft, aber dieser hat mich wirklich zum Weinen gebracht.
So schön geschrieben - und was hatten diese Kinder für ein Glück, dass Du in dieser Situation (für sie) da warst uns sie sich so gesehen fühlen konnten. Definitiv die richtige Frau am richtigen Ort!