top of page

Sterbehilfe in Deutschland: Warum Clara ihre Trauerrede schrieb, bevor sie ging

Zwei Frauen halten sich tröstend die Hände bei einem Gespräch über Sterbehilfe und Abschied – Symbolbild für Begleitung am Lebensende.

Vor kurzem hat mich eine Frau angerufen. Ihre Stimme war etwas brüchig, man hat gehört, dass sie schwer krank war. Sie hat mir eigentlich nur folgendes gesagt: "ich sterbe am Freitag und ich möchte mit Ihnen davor noch meine Trauerrede schreiben. Geht das?".


Ich geb zu, ich hab schon schwer geschluckt. Aber natürlich war ich da sofort "on board". Schwere Themen haben eine ganz besonderen Platz in meinem Herzen.


Ich bin am nächsten Tag direkt zu ihr gefahren. In eine Wohnung in München, eine Wohnung, die einen Blick über die Dächer der Stadt hatte. Sie war kuschelig warm und wie eine liebevolle Höhle.

Die Dame, ich nenne sie hier Clara hat mich empfangen.

Blonder Bob, geschminkt, sie sah irgendwie beeindruckend aus. Hat mich angelächelt.


Und dann sind wir uns gegenüber gesessen und sie hat zu erzählen begonnen.

Von ihrem Leben als Ärztin, von ihrer Diagnose, die alles verändert hat. Krebs im Endstadium.

Für sie war sofort klar, sie möchte keine Chemotherapie, keine Maßnahmen, da sie es eh nicht schaffen wird. So ihre Worte.

Sie wollte Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Und sie wollte, dass wir gemeinsam ihre Trauerrede schreiben. Noch zu Lebzeiten.


Ich bin Trauerrednerin. Beziehungsweise Lebensrednerin und noch nie hat dieses Wort so gut gepasst wie bei diesem Gespräch. Weil wir gemeinsam von ihrem Leben gesprochen haben.

Clara war top organisiert. Hat mir ihre Liederauswahl, die Kontaktdaten der Bestatterin und des Floristen gegeben. Hatte für alles eine klare Vorstellung, wie was sein sollte. Hat mich sogar zu ihrem Traueressen eingeladen: "auch wenn wir nicht mehr gemeinsam essen können, wäre es schön, wenn Sie dabei wären".


Und während wir geredet haben, ist mir eines so klar geworden. Ja, es ging um ihren Abschied, um ihre Rede. Aber eigentlich ging es um was ganz anderes: um ein "Ich entscheide selbst."

Bei ALLEM.


Ich habe nach dem Gespräch einen Beitrag auf Instagram hochgeladen. Dass ich gerade von einem Gespräch komme, von einer Frau, deren Todeszeitpunkt bekannt ist und wir die Rede zusammen schreiben.


Und mich hat eine Flut an Nachrichten und Fragen erreicht. Vor allem in Bezug auf das Thema Sterbehilfe in Deutschland.


Die Menschen haben sich wirklich dafür interessiert. IHR habt Euch dafür interessiert und dafür bin ich sehr dankbar.

Und genau deshalb schreibe ich diesen Text.


Weil Sterbehilfe kein abstraktes Thema ist. Sondern eines, das mitten ins Leben trifft.

Uns nachdenklich macht, uns vielleicht beruhigt, uns ängstigt?

Aber wichtig ist, dass wir WISSEN, was in Deutschland soweit erlaubt und möglich ist und was nicht.


Sterbehilfe und assistierter Suizid: Was in Deutschland rechtlich erlaubt ist


Sterbehilfe ist in Deutschland eines der emotionalsten und zugleich juristisch kompliziertesten Themen. Viele Menschen wissen nicht, was erlaubt ist – und was nicht.

Mich eingeschlossen, bevor ich für diesen Artikel recherchiert habe.


Oft wird alles in einen Topf geworfen. Weil es auch verdammt unübersichtlich ist.

Juristisch wird unterschieden zwischen:

  1. assistiertem Suizid

  2. aktiver Sterbehilfe

  3. passiver Sterbehilfe

  4. indirekter Sterbehilfe

Diese Unterschiede sind wichtig.

  1. Assistierter Suizid – erlaubt, aber rechtlich ungeklärt

Beim assistierten Suizid bekommt ein Mensch Hilfe, sein Leben selbst zu beenden. Diese Hilfe kann zum Beispiel darin bestehen, dass jemand ein Medikament besorgt oder bereitlegt.

Der entscheidende Punkt ist dabei: Der Mensch nimmt dieses Medikament selbst ein. Niemand sonst handelt für ihn. Es ist seine eigene, bewusste Entscheidung.

Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 gilt in Deutschland:


Jeder Mensch hat das Recht, über sein eigenes Lebensende zu bestimmen.Und dieses Recht schließt ein, sich dabei helfen zu lassen.

Damit wurde ein altes Verbot aufgehoben, das genau diese Hilfe lange Zeit untersagt hatte.

Und trotzdem bleibt vieles unklar. Denn bis heute gibt es kein neues Gesetz, das eindeutig regelt, wie assistierter Suizid in der Praxis aussehen darf.

Zwei Versuche, diese Lücke zu schließen, sind 2023 gescheitert.

Was heißt das für Betroffene?

Assistierter Suizid ist nicht strafbar. Aber er ist auch nicht klar geregelt.

Er bewegt sich in einem Raum dazwischen.

Nämlich zwischen Recht und Unsicherheit, zwischen Selbstbestimmung und offenen Fragen.



  1. Aktive Sterbehilfe – in Deutschland verboten

Bei der aktiven Sterbehilfe verabreicht eine andere Person (z. B. ein Arzt) dem Patienten ein tödliches Mittel.

Diese Form ist in Deutschland strafbar. Legal ist sie nur in wenigen Ländern, etwa in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg oder Spanien (nicht in der Schweiz übrigens! Da ist nur assistierte Stebehilfe erlaubt wie in Deutschland.*)

Für viele Menschen ist genau hier die Grenze:

Wer handelt – der Mensch selbst oder jemand anderes?


  1. Passive Sterbehilfe – das Sterben zulassen

Passive Sterbehilfe bedeutet, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten oder sie abzubrechen.


Zum Beispiel:

  • keine künstliche Beatmung

  • keine künstliche Ernährung

  • keine weiteren belastenden Therapien

Diese Form ist in Deutschland erlaubt – und in der Praxis häufig Teil palliativer Begleitung.

  1. Indirekte Sterbehilfe – wenn Linderung im Vordergrund steht

Bei der indirekten Sterbehilfe geht es um Schmerzlinderung. Wenn Medikamente gegeben werden, die Schmerzen nehmen, aber als Nebenwirkung das Leben verkürzen können, ist das rechtlich zulässig.

Das Ziel ist nicht der Tod.

Das Ziel ist: Leiden lindern.

Claras Weg: Selbstbestimmung bis zum letzten Moment

Clara hat sich für den assistierten Suizid entschieden. Bei https://linus-sterbehilfe.de/.

Als sie mich angerufen hat, hat sie diesen Weg bereits begonnen.

Und sie hat gewusst: das ist die richtige Entscheidung für sie.

  • Am Anfang hat ein erstes Telefonat gestanden. Ein Gespräch, in dem sie ihre Situation geschildert hat und vor allem ihre Diagnose und ihre Gedanken.

  • Danach hat sie Unterlagen erhalten und ausgefüllt. Sie hat Zeit gehabt, zu lesen. Zu überlegen. Niemand hat gedrängt oder hat es beschleunigt.

  • Ärzte haben ihre Geschichte geprüft. Zweimal und das unabhängig voneinander und sehr sorgfältig. Sie haben geprüft, ob diese Entscheidung getragen war. Ob sie frei getroffen wurde und ob sie Bestand hatte.

  • Dort, wo Zweifel Raum gebraucht haben, ist auch eine psychologische Begutachtung möglich gewesen.

  • Erst danach ist sie in den Kreis der Menschen aufgenommen worden, die diesen Weg überhaupt gehen durften.

  • Und selbst dann ist nichts automatisch geschehen.

  • Der letzte Schritt wird immer bei ihr liegen. Sie muss sich selbst melden. Selbst sagen: Jetzt. Und es auch TUN.


Als wir gemeinsam an ihrer Rede gearbeitet haben, ist all das bereits Teil ihrer Geschichte gewesen.

Sie hat gewusst, dass das alles kein Alleingang gewesen ist. Aber es ist ihre Entscheidung gewesen.

Und genau so hat sich unser Gespräch angefühlt. Selbstbestimmt. In allem, was sie tat.

Selbstbestimmung war auch in ihrem Leben davor schon sehr sehr wichtig. Und jetzt umso mehr.

Ich habe sie viele Fragen fragen dürfen. Und sie hat sie mir beantwortet. Dafür bin ich sehr dankbar. Es waren intime Fragen. Sehr persönliche Fragen.

Ihr Anliegen war vor allem, in Würde zu sterben. Kein Pflegefall zu werden, nicht mehr selbst zu entscheiden. Und sie war sehr stolz. Stolz darauf, kein "Chaos hinterlassen zu haben". Das und genau das sollte ich auch in die Rede mit aufnehmen und ihren Angehörigen nochmals sagen. Dass sie kein Chaos hinterlassen hat.


Und was machte das alles mit mir?

Ich war auch stolz. So gerührt, dass sie mich gewählt hat auf ihren letzten Weg. Und dass ich die Möglichkeit hatte, ihr Fragen zu stellen, die mir nur sie beantworten konnte in der Situation, in der sie ist. Alle Hüllen sind fallengelassen worden, wir hatten ein so intimes Gespräch. Weil nichts mehr zu verlieren war, ausser Ehrlichkeit. Und ich habe eine riesige Zuneigung für diese Frau entwickelt.

Weil sie diese Entscheidung mit soviel Würde entschieden hat und ich daran teilhaben durfte.


Nach der Flut an Fragen, hab ich mich mehr mit dem Thema Sterbehilfe beschäfitgt.

Und mir ist für MICH klargeworden: Sterbehilfe ist kein „Aufgeben“, sondern letztes Ja zu sich selbst.


Mein Fazit als Trauerrednerin: Ein letztes Ja zu sich selbst

Ich bewerte diese Entscheidung nicht. Ich begleite sie. Aber ich habe mir natürlich Gedanken dazu gemacht, wie ich zu diesem Thema stehe. Und ja, es gäbe Diagnosen, bei denen ich das in Anspruch nehmen wollen würde.

Was ich mir aber so sehr wünsche in Deutschland:


  • mehr Aufklärung

  • mehr rechtliche Klarheit

  • mehr Raum für ehrliche Gespräche

  • mehr Verständnis

Denn egal, wie man dazu steht: Sterbehilfe ist kein Randthema.

Sie betrifft echte Menschen. Uns alle. Denn wir wissen nie, was das Leben für uns bereithält. Und wir sind Menschen mit echten Geschichten und mit einem tiefen Wunsch nach Würde – bis zum letzten Moment.


Ich hoffe, ich habe Euch ein bisschen Licht ins graue Unwissen bringen können.

Und ich hoffe, Ihr werdet diese Entscheidung nie fällen müssen.


Eure Hanna




Mehr Informationen zu Sterbehilfe in Deutschland findet Ihr hier. LINUS — Privatärztliche Sterbehilfe und Palliativberatung in Deutschland: hier.


*Der entscheidende Unterschied in der Sterbehilfe zwischen Deutschland und der Schweiz liegt in der rechtlichen Erlaubnis der Beihilfe zum Suizid. In der Schweiz ist assistierter Suizid aus nicht eigennützigen Motiven legal. Deutschland erlaubt zwar die Selbsttötung, hat aber keinen eindeutigen rechtlichen Rahmen für die Sterbehilfeorganisation und man bewegt sich immer noch in einer gewissen Grauzone.


P.S. Lest gerne dazu auch meinen anderen Blogbeitrag: Trauerrede nach Suizid: Liebe finden im größten Schmerz

2 Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
Gast
vor 2 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Toller Beitrag!

Gefällt mir

Karin Frischeisen
vor 2 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Gänsehaut pur , so ein wichtiger und helfender Beitrag


Gefällt mir
bottom of page