top of page

Ich dachte, ich wüsste, wie Trauer geht

vor 1 Stunde
6 Min. Lesezeit
Hanna Labita als Kind gemeinsam mit ihrer Schwester – Erinnerungen an die Kindheit und den Zusammenhalt beim Abschied von der Mama.

Und hab mich so geirrt.


Ich habe meine Großeltern, drei an der Zahl, beim Sterben begleitet. Und ich war sehr traurig, als sie gestorben sind.


Aber bei ihrem Tod war immer auch ein Stück Erleichterung dabei. Weil sie am Ende wirklich kein schönes Leben mehr hatten. Weil ich gesehen habe, wie schwer ihnen das Leben geworden ist.


Und nun bei meiner Mama?

Da ist es einfach nur schlimm.

Da ist keine Erleichterung. Kein Gedanke von wegen „Es war eine Erlösung für sie“.


Der Krebs hat einfach bei uns mitgewohnt


Meine Mama hatte auch lange Krebs. Aber dieser Krebs hat irgendwann einfach bei uns mitgewohnt. Er war Teil unseres Lebens geworden. Und irgendwie ging es ja immer.

Er hat der Mama vieles schwer gemacht. Aber sie hat gekämpft, hat kaum gejammert, hat immer versucht, das Positive zu sehen.


Und so ist etwas ziemlich Verrücktes passiert: wir haben uns an diesen Krebs gewöhnt.

Er war da. Aber die Mama eben auch.


Und meistens war sie so sehr unsere Mama, dass der Krebs irgendwie in den Hintergrund gerückt ist.

Natürlich hat es Momente gegeben, in denen es ihr richtig schlecht gegangen ist. Aber meistens hat sie sich wieder hochgezogen.

Hat sich an Fotos und Videos unserer Kinder erfreut, fleißig Geschenke online bestellt und sich aufs Mittagessen gefreut.


Sie wollte leben.

Und wir wollten natürlich, dass sie lebt.


Und plötzlich war die Mama nicht mehr da


Und dann ist dieser Krebs, der so lange irgendwie mitgelaufen ist, plötzlich mit einer Wucht zurückgekommen, mit der keiner von uns gerechnet hat.


Alles ist so schnell gegangen.

Und ich dachte tatsächlich, ich wäre darauf vorbereitet gewesen.

Sehr naiv, wie ich heute weiß.


Denn auf diesen Schmerz war ich überhaupt nicht vorbereitet.

Auf dieses NIE WIEDER DIE MAMA SEHEN.

Nie wieder ihre Stimme hören.

Nie wieder schnell etwas erzählen.

Nie wieder dieses selbstverständliche Wissen haben, dass die Mama da ist.


Morgens um 5:30 Uhr sitzt die Trauer schon an meinem Bett


Und dann ist die Trauer bei uns eingezogen.

Ich bin Trauerrednerin und Trauerbegleiterin. Ich beschäftige mich tagtäglich mit Trauer. Ich höre Menschen zu, die jemanden verloren haben. Ich schreibe über Abschiede und darüber, was bleibt.

Und trotzdem habe ich erst jetzt verstanden, wie wenig man über einen Schmerz wissen kann, solange man ihn nicht selber erlebt hat.


Die Trauer hat mir erst einmal die ganze Leichtigkeit genommen.

Sie war so raumeinnehmend, dass ich anfangs kaum essen konnte.

Und sie hat mich körperlich völlig vereinnahmt.

Ich, die normalerweise jeden Tag Sport macht, konnte plötzlich keinen Sport mehr machen.

Obwohl es doch immer heißt, Bewegung tut gut.

Ja, bestimmt.

Aber mein Körper war einfach nur schwach.


Ich glaube, der hatte gerade ganz andere Arbeit zu erledigen.

Er war mit der Trauer beschäftigt. Und die wollte unglaublich viel Aufmerksamkeit.

Die saß morgens um 5:30 Uhr schon an meinem Bett und hat mich freundlich daran erinnert, dass es keine Mama mehr gibt.

Hat mich den ganzen Tag nicht aus den Augen gelassen.

Und abends hat sie sich zu mir gelegt und mir zugeflüstert, dass ich der Mama nie wieder etwas erzählen kann.


Diese Trauer war einfach überall.


Für alle anderen ist einfach Dienstag


Und während bei mir innerlich gerade alles durcheinandergeraten ist, ist draußen das Leben ganz normal weitergegangen.

Ich habe direkt wieder in meinem Hauptjob gearbeitet.

Und hatte dabei ein wunderbares Team hinter mir, das mich so sehr unterstützt hat.

Drei Tage nach Mamas Tod habe ich eine Trauerfeier gehalten. Und diese Familie hat mich einfach in ihre Mitte genommen.

Das werde ich nicht vergessen.


Ich habe versucht, Schritt zu halten mit dem Leben da draußen.

Habe versucht, in virtuellen Meetings nicht zu weinen.

Habe funktioniert, so gut es eben gegangen ist.

Aber manchmal habe ich mich gefragt, wie das eigentlich sein kann.


Dass für einen selber gerade die ganze Welt anders geworden ist. Und für alle anderen ist einfach Dienstag.


Was ich seit Mamas Tod gelernt habe


Seit Mamas Tod habe ich drei Dinge besonders intensiv erlebt. Und die möchte ich gern mit Euch teilen.


Wie wichtig meine Familie ist

Meine Schwester, mit der ich gemeinsam trauer. Wir trauern anders, aber dennoch gemeinsam. Klammern uns aneinander fest. Mein Mann, mein Schwager. Mein Papa, meine Stiefmama. Sie halten meine Schwester und mich. So so fest. Wir rücken zusammen.

Der Partner meiner Mama, meine Schwester und ich haben nun einen Dreierchat. Versuchen, das Guten-Morgen / Gute Nacht meiner Mama fortzuführen. Ohne sie.

Geteiltes Leid ist aushaltbareres Leid.


Dass Trauer auch körperlich unglaublich anstrengend ist.

Das habe ich völlig unterschätzt.

Neulich habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass unser Herz in der Zeit nach einem schweren Verlust tatsächlich anfälliger sein kann. Dass der Körper auf Trauer mit enormem Stress reagiert.

Und ich habe gedacht: Ja, genau so fühlt es sich an.

Als würde der ganze Körper trauern.

Ich habe für mich gelernt, dass ich gerade nicht alles schaffen muss, was ich sonst schaffe.

Dass ich mich bewegen darf, wenn es mir guttut. Und dass ich mich ausruhen darf, wenn mein Körper einfach nicht mehr kann.

Ich muss mich gerade nicht auch noch dafür anstrengen, möglichst gut zu trauern.


Und dann ist da mein Wunsch nach einem Trauerjahr.

Ich hätte so gern eines.

Kein Jahr, nach dem plötzlich alles wieder gut sein muss.

Sondern ein Jahr, in dem die Menschen um mich herum wissen: die Hanna ist gerade ein bisschen verletzlicher als sonst.

Weil dieses erste Jahr so viele erste Male ohne Mama mit sich bringt.

Der erste Geburtstag. Das erste Weihnachten. Die ersten Familienfeste, bei denen sie fehlt.

Und all die kleinen, völlig unspektakulären Tage dazwischen, an denen man plötzlich denkt: Das muss ich der Mama erzählen.

Und dann fällt einem wieder ein, dass das nicht mehr geht.

Früher gab es dieses Trauerjahr. Man hat auch von außen gesehen, dass jemand einen geliebten Menschen verloren hat.

Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass nach zwei Wochen schon wieder erwartet wird, dass alles einigermaßen normal läuft.

Aber was ist denn gerade normal?

Ich weiß ja selber noch nicht einmal, wer ich in diesem neuen Alltag ohne meine Mama bin.

Und natürlich werde ich auch nach einem Jahr noch trauern.

Aber ich wünsche mir für dieses erste Jahr einfach ein bisschen mehr Verständnis dafür, dass ich gerade anders bin.

Dass ich vielleicht schneller weine. Weniger aushalte. Manchmal absage, obwohl ich eigentlich zugesagt habe.

Und dass das alles gerade zu mir gehört.


Was mich außerdem beschäftigt: Trauer ist so wahnsinnig individuell. Und trotzdem verbindet sie uns.

Als meine Mama ihre letzten Atemzüge gemacht hat und ich sie am liebsten irgendwie zurückgeholt hätte, habe ich für einen ganz kurzen Moment etwas gedacht, das mich selber erschreckt hat.


Lohnt es sich eigentlich, so sehr zu lieben, wenn das Verlieren dann so unfassbar wehtut?

Natürlich lohnt es sich.

Das weiß ich.

Und ich würde keine einzige Minute mit meiner Mama hergeben wollen, nur damit ich diesen Schmerz jetzt nicht aushalten muss.

Aber der Gedanke war trotzdem da.

Und wenn ich jetzt höre, dass Trauer ja eigentlich nur die Liebe ist, die keinen Platz mehr findet, dann verstehe ich schon, was damit gemeint ist.

Meine Trauer zeigt mir, wie sehr ich meine Mama liebe.


ABER. ABER ABER ABER.

Das macht sie gerade auch nicht leichter.

Was mir hilft, ist das Bild von den Trauerwellen.

Manchmal kommt so eine Welle und dann legt sich dieser schwere Trauerbär auf mich drauf.

Und dann geht erst einmal gar nichts mehr.

Aber irgendwann wird die Welle wieder kleiner. Der Bär steht auf. Ich kann wieder ein bisschen leichter atmen.

Vielleicht sogar lachen.

Bis die nächste Welle kommt.

Menschen, die das schon erlebt haben, haben mir genau das vorhergesagt.

Und sie hatten recht.

Ich lerne gerade, dass beides an einem Tag Platz haben kann. Dass ich morgens bitterlich weine und nachmittags über irgendeinen Schmarrn lachen kann.

Und dass das Lachen nichts daran ändert, wie sehr mir meine Mama fehlt.


Ich bin jetzt eine Mama ohne Mama


Eines weiß ich inzwischen ganz sicher.

Es gibt für mich ein Leben vor Mamas Tod.

Und ein Leben nach Mamas Tod.

Und ich steh gerade mittendrin und versuche herauszufinden, wie dieses neue Leben eigentlich geht.

Ich habe irgendwo gelesen: Die Mama ist die Wurzel, der Papa das Schutzschild.

Und dieser Gedanke hat mich sehr berührt.

Weil es sich gerade tatsächlich so anfühlt, als hätte ich eine meiner wichtigsten Wurzeln verloren.

Und gleichzeitig bin ich selber Mama.

Bin selber eine Wurzel für meinen Sohn.

Das ist ein seltsames Gefühl. Einerseits so erwachsen zu sein, dass man selber ein Kind durchs Leben begleitet. Und sich gleichzeitig gerade wieder so sehr als Tochter zu fühlen.

Als Tochter, die einfach ihre Mama zurückhaben möchte.


Ich danke Euch fürs Lesen.

Und für all Eure lieben Worte, Eure Nachrichten und Eure Anteilnahme.

Wenn ich aus diesen letzten Wochen etwas mitnehme, dann auch das:

Wenn in meinem Umfeld künftig jemand einen geliebten Menschen verliert, dann steh ich mit einer Suppe vor der Tür.

Ich werde schreiben. Auch nach vier Wochen noch. Und nach drei Monaten.

Ich werde einfach da sein.

Das wäre ich wahrscheinlich auch vor Mamas Tod gewesen.


Aber jetzt weiß ich, wie unglaublich viel es bedeuten kann, wenn man da ist.


Eure Hanna

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page