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Und du bleibst tot...

vor 13 Stunden
5 Min. Lesezeit
Bunte Acrylfarben, Pinsel und Pappteller zum Bemalen des Sarges beim Abschied von der Mama.


Nun ist knapp eine Woche vergangen und was soll ich sagen?


Meine Mama ist immer noch tot. Für mich immer noch unbegreiflich.


Diese letzten Tage nach ihrem Tod waren voll. Voller Gefühle, voller Weinen, auch mal mit ein bisschen Lachen zwischendurch und voller Traurigkeit.


Und wir haben unsere Mama nochmals verabschiedet. Am offenen Sarg in den Räumen unseres Bestattungsunternehmens.


Ich habe in diesen Räumen meine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht und mir war klar: wenn die Möglichkeit besteht, dann verabschieden wir meine Mama auch so, wie ich es dort gesehen habe.

Aber wenn es dann die eigene Mama ist, ist es doch nochmals was anderes.

Denn wir wussten: wir werden die Mama tot sehen. Im offenen Sarg. Heutzutage ist das was sehr Besonderes. Etwas, was uns Angst macht. Weil es nicht so wirklich in unser Leben integriert ist.


Wir als Familie hatten alle etwas Angst. Wir waren aufgeregt. Wir hatten unsere Kinder dabei. Für die wir das sogar hauptsächlich getan haben. Weil wir wussten: unsere Kinder müssen sich gut von ihrer Oma verabschieden dürfen.


Aber wir wussten AUCH: es wird uns allen guttun. Auch dem Lebenspartner unserer Mama, unserem Papa und unseren Ehemännern. Einfach uns allen als Familie.


Vollgepackt mit unseren liebevoll vorbereiteten Sargbeigaben (Malwerke der Kinder, Blätter und Blumen aus ihrem Garten, Sonnenblumen, Briefe) und einem großen Käsekuchen à la Mama sind wir dann in den Abschiedsraum hinein. Behutsam begleitet von unserer Trauerbegleiterin Christina. Die eine Seele von Mensch ist. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wichtig ihr DASEIN und ihre sanfte Art für uns sind.


Als wir in den Raum gekommen sind, war die Mama für uns noch nicht zu sehen. Eine Trennholzwand war zwischen uns und ihr. Christina hat uns erst einmal ankommen lassen und uns dann erklärt, wie die Mama aussieht. Wie sie daliegt, was sich eventuell äußerlich verändert haben könnte. Wie ihre Hände liegen. All das, um uns auf sie vorzubereiten. Auf unsere tote Mama.

Und dass wir keine Angst zu haben brauchen.


Wir sind dann zu unserer Mama ... davor mussten wir erst einmal tief Luft holen. Weil es seltsam ist, sie so tot zu sehen. Wir haben sie zwar schon tot in der Klinik gesehen, aber jetzt NOCHMALS in ihrer Lieblingskleidung, gebettet auf ihrem Kissen, eingehüllt in ihre Kuscheldecke, war es anders. Friedlicher, trauriger, bewusster, seltsamer.

Aber es war schön. Ja, wirklich wirklich schön. Auch oder gerade für die Kinder. Mein Sohn, der Berührungsängste hatte, hat am Ende die Oma sogar nochmals umarmt. Die eiskalte Oma ...


Ganz so wie davor sah sie nicht aus. Das liegt aber an den Muskeln, die zurückgehen, an den etwas dickeren Händen und am Tot-Sein. Aber sie sah friedlich aus.


Wir haben ihr all unsere Malereien, Briefe und Blumen sachte in den Sarg gelegt. Geweint, gelächelt, sie vorsichtig gestreichelt. Ihr die Haare aus der Stirn gestrichen. Mit ihr geredet. Ihr gesagt, wie lieb wir sie haben. Dass sie uns so unendlich fehlt.

Wir haben dann langsam angefangen, ihren Sarg und ihre Urne zu bemalen. Die Kinder waren sofort Feuer und Flamme. Der Lebenspartner auch. Er ist Maler. Einer, der mit Farben und Tusche ausdrückt, wofür Worte manchmal nicht reichen. Und nun hat er damit den Sarg der Frau bemalt, mit der er viele Jahre geteilt hat. Für die er so da war und sie für ihn.


Diese ganzen bunten Farben und Pinsel waren für alle auf eine besondere Art befreiend. Weil wenn was so bunt ist, wie kann das eigentlich traurig sein? Wie passt das zusammen?

Es hat zusammengepasst.


Der Kleinste hatte die grandiose Idee, den Sargdeckel auch von unten zu bemalen, die Großen haben angefangen, der Oma auf den Sarg ihre Gefühle aufzuschreiben. Der Lebenspartner hat den Sarg in seinem Stil verziert.


Es war auf seltsame Weise schön. Beruhigend. So lebendig.


Wir haben Mamas Lieblingsmusik gehört, Kaffee getrunken und den Kuchen gegessen.

Und jeder hat sich auf irgendeine Weise entspannt.

Der Abschied war HEILEND. Wohltuend. Heilend trifft es gar nicht richtig, aber in irgendeiner Weise fühlte es sich so an. Als würde unser Herz etwas heilen.


Das heißt nicht, dass wir nun nicht mehr trauern, ganz im Gegenteil. Uns geht es sogar jetzt, einen Tag danach, nicht so gut, aber der Abschied war so wichtig, weil unser Gehirn irgendwie verstanden hat: Die Oma ist nun wirklich gestorben. Und das ist für den Trauerprozess so, so wichtig.


Was ich ehrlicherweise nicht gedacht hätte: WIE wichtig das für uns alle war.

Die Mama war irgendwie nochmals mitten unter uns.


Nach dem Abschied waren wir gemeinsam als Familie im Biergarten ... und haben gelacht. Gegessen. Zumindest die Kinder. Uns erinnert. Das erste Mal haben uns die Erinnerungen innerlich nicht zerbrochen. Das tun sie dafür JETZT wieder :-)


Die Trauerfeier ist in circa zwei Wochen. Und wir haben alle zusammen alles so organisiert, dass es eine Lebensfeier wird. Bunt, lebendig. Genau so, wie sie es sich gewünscht hat. Ich werde die Rede halten. Weil auch das meine Mama wollte.


Das wird die schwierigste Rede für mich, die ich jemals gehalten habe, aber ich weiß, dass ich das irgendwie schaffen werde.


Es kommen alle Menschen, die die Mama lieb hatten. Die sie vermissen. Die UNS liebhaben, weil sie für uns da sein wollen. Und das hilft meiner Schwester und mir sehr. Diese enorme Liebe, die uns für die Mama und für uns entgegenschlägt, raubt uns auf positive Weise den Atem. Und wir spüren eine riesige Dankbarkeit dafür. Weil unsere Mama solche Spuren hinterlassen hat.


Wie es uns geht?


Trauerwellig, würde ich sagen. Das Aufwachen morgens ist am Schlimmsten, weil das Gehirn „neuronal“ noch nicht kapiert hat, dass unsere Mama weg ist. Und jeden Morgen ist die Erkenntnis darüber wieder gleich schlimm. Und dann kommt wieder dieser dicke fette Trauerbär, der sich auf unsere Rücken setzt.


Ich esse wieder. Weil es ohne Essen auch nicht klappt.

Ich arbeite wieder, weil man arbeiten muss.

Ich räume den Geschirrspüler aus, weil er voll ist.

Ich frage Vokabeln ab, weil gelernt werden muss.


Das Leben geht weiter, aber für uns bleibt es gerade stehen. Und es lässt sich gar nicht anhalten.

Ich glaube, es gibt ein Leben VOR dem Tod der Mama (in unserem Fall) und ein Leben NACH dem Tod.

Ein Leben voller „Guten Morgens“ in unserem Töchter-Chat und ein Leben ohne „Gute Nacht, ich habe euch lieb“-Nachrichten unserer Mama.


Aber unser Herz ist schwer. Sehr schwer. Und ich weiß, da müssen wir nun durch. Auch wenn wir das nicht möchten. Auch wenn wir einfach nur unsere Mama wieder zurückhaben möchten.

Meine Schwester und ich trauern gewaltig. Aber wir trauern gemeinsam und das ist sehr schön. Sehr wertvoll. Und wir haben beide ein liebevolles Umfeld. Sind eingebettet und umgeben von lieben Menschen.


Die einfach Suppe, Grießbrei, Blumen oder Schokolade vorbeibringen oder vor die Tür legen. Oder liebevoll schreiben.

Unser Papa, der uns hilft, wo er kann. Unsere Ehemänner, die uns trösten, immer in den Arm nehmen, uns beim Chaos der Papiere unterstützen. Uns halten. Unsere Stiefmama, bei der ich mich immer ausweinen kann. Unsere Freundinnen, die so lieb sind.

All die Menschen, die einfach DA sind für uns.

Dafür sind wir unendlich dankbar.

Wir bekommen wahnsinnig viele Nachrichten von euch, die mir so guttun. Viele von Euch haben Ähnliches durchgemacht und wissen, wie schlimm diese Phase gerade ist.


Ich danke Euch von Herzen.

Jedem Einzelnen von Euch.


Eure Hanna







1 Kommentar

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Astrid
vor 12 Stunden
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ach Hanna, so schön. Und wie merkwürdig das in diesem Zusammenhang zu sagen, aber es ist einfach wirklich schön: Die Art, wie Du das alles in Worte fassen kannst, die Art und Weise wie Ihr Abschied nehmen konntet, die Tatsache, welchen Zugang Ihr den Kindern damit zu diesem Thema ermöglicht habt, der Umstand, in wieviel Liebe Ihr dabei miteinander und untereinander gebettet seid und dass Deine Mama aufgrund der Dir geschenkten Fähigkeiten so auch noch die persönlichste Trauerrede, die möglich ist, erhalten wird. Danke Dir für diesen so persönlichen Einblick und alles Liebe für Dich und Deine Familie. Astrid

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