Und plötzlich bist du tot

Heute schreib ich nicht als Trauerrednerin, sondern als Tochter. Als Tochter meiner Mama.
Ich hatte das gar nicht vor, hier einen Blogbeitrag einen Tag nach dem Tod meiner Mama zu verfassen. Aber es ist 5:00 Uhr morgens, ich werde überwältigt von meinen Gefühlen und habe den unbändigen Drang zu schreiben.
Meine Mama ist gestern gestorben. Eigentlich waren wir etwas vorbereitet, weil sie schon lange Krebs hatte. Aber eigentlich waren wir völlig unvorbereitet. Weil sie hat dem Tod immer ein Schnippchen geschlagen. Fast 10 Jahre lang. Daher waren wir doch zuversichtlich, dass es auch diesmal wieder gut ausgeht.
Aber ging es nicht.
Und den Schmerz, der dann kam, den habe ich ehrlicherweise unterschätzt. Ich habe meine Großeltern begleitet, Oma und Opa, mit denen ich aufgewachsen bin, in einem Haus. Eine zweite Oma. Aber die waren älter. Die waren bereiter vermutlich.
Meine Mama wollte nicht gehen. Wollte UNS nicht zurücklassen. Ihre zwei Töchter, ihre drei Enkel, ihren Partner. Ihre Freundinnen. Ihre Welt und ihr Leben.
Meine Schwester und ich hatten das große Glück, sie begleiten zu dürfen. Bis zum Ende haben wir die Hand gehalten. Eine links, eine rechts. Haben ihr gesagt, wie sehr wir sie lieben. Dass sie eine gute Mama war, die BESTE. Ich habe das "Du warst die Beste, Mama" meiner Schwester noch im Ohr, wie sie es voller Schmerz und Liebe meiner Mama zugeflüstert hat.
Mama wollte uns aber nicht verlassen. Welche Mama macht das auch gern?
Und wir wollten sie nicht gehen lassen. Denn ja, jetzt haben wir eine Welt ohne unsere Mama. Keine Welt mehr, in der wir ihre Töchter sein dürfen.
Ich schreibe noch, wie meine Mama war. Und ich mach das authentisch, einfach, weil ich das auch bei meinen Trauerreden immer mache, mir das wichtig ist.
Meine Mama hatte ihre Ecken und Kanten. Ich als ihre ältere Tochter hatte oft ein - nennen wir es dynamisches Verhältnis. Meine Schwester war meiner Mama vermutlich noch ein Stück inniger, ähnlicher im Herzen. Ich glaube, ich komme mehr nach meinem Papa.
Aber es war immer klar: wir kriegen alles hin, auch wenn ich sie oft vom Mama-Sockel geworfen habe, wenn wir gestritten haben, uns nicht verstanden haben.
Im Grunde wussten wir: Mama und Tochter, das ist UNSER Band, das bleibt. Und als vor zehn Jahren sowohl mein Sohn als auch etwas später der Krebs bei ihr kamen, war eh klar: das Band wird stärker. Weil nichts mehr selbstverständlich war.
Und ihre Omaliebe war überwältigend. Mein Sohn durfte bei meiner Mama immer sein. Egal wie er war, sie liebte ihn. Über alles. Ihre ganze Liebe hat sich ein Jahr lang auf ihn fokussiert. Bis meine kleine Nichte kam, dann wurde die Liebe einfach verdoppelt. Und 5 Jahre später verdreifacht für meinen Neffen.
Bei meiner Mama und mir war nie alles immer Friede Freude Eierkuchen, aber dafür mit ganz viel Puderzucker drauf.
Meine Mama war nie perfekt, aber dafür wahnsinnig ECHT. Echt sein konnte sie, und wie.
Und sie war unser größter Fan. Jeden Blogbeitrag hat sie gelesen, jeden fand sie total toll.
Jede Trauerfeier wollte sie erzählt bekommen, hat mich immer ermutigt. Hat stolz in ihrem Umfeld von mir erzählt.
Ich könnte stundenlang von ihr erzählen. Das mach ich aber jetzt nicht, sonst schreib ich ein Buch. Denn die Ecken müssen ja auch Platz haben :-) Die Ecken, die ich jetzt wahnsinnig vermisse. Ich hätte gerade wahnsinnig gerne eine völlig irrationale Whats App von ihr. Eine, in der ich mich frage, was zum Teufel?? Aber genau so eine hätte ich gerne. Weil das auch sie war.
Aber eigentlich will ich nur eines zurück: meine Mama. Ihre wahnsinnig große Liebe für mich, ihrer Hanna. Ihre Liebe für meine Schwester, uns allen. Ihr liebes Lächeln, ihre unglaubliche Toleranz und Offenheit.
Ihre Mamaliebe will ich wieder haben.
Als meine Schwester und ich, jede eine Hand haltend von unserer Mama, völlig übermüdet, weil wir paar Tage lange rund um die Uhr bei ihr waren, sie gehen haben lassen, kam der Schmerz noch gar nicht gleich. Zumindest bei mir nicht. Eher ein "sie hat es geschafft". Weil wir drei uns so schwer taten, dass sie eben geht. Aber dann war da ein kleiner Friede in mir. Sie hat es geschafft. Aber die Traurigkeit hat nur Luft geholt. Tief Luft geholt. Um dann wie ein Tsunami auf uns zuzurollen, uns einzuwickeln, herumzuwirbeln.
Ich trauere laut. Ich weine laut, ich schreie auch mal. Mir die Seele aus dem Leib. Ich wäre ein gutes Klageweib. Ich wimmere, ich stöhne, ich KLAGE. Das Schicksal an, weil es uns Krebs geschickt hat. Weil es so unfair ist und weil es dann doch viel schneller als erwartet kam. Weil die verdammte Hoffnung bis zum Schluss völlig irrational raumeinnehmend war. Mein Schmerz, meine Wut, alles muss raus. Ich schreibe auch, wie ihr seht. ES MUSS RAUS aus mir.
Ich habe es ehrlicherweise unterschätzt. Ich dachte, ich sei vorbereitet. Wie blanker Hohn. Man kann sich glaub ich nicht vorbereiten. Ich bin dankbar, dass wir uns verabschieden konnten, da sein konnten. Ihr Partner bei ihr war. Sie war nicht allein. Sie hatte große Angst, die wir ihr nicht nehmen konnten. Weil wir selber völlig verängstigt waren.
Es immer noch sind. Denn eine Welt ohne Mama ist doch scheisse.
Die Dankbarkeit ist noch ganz klein in meinem Schmerz. Ich weiss, die wird größer. Und die Erinnerungen werden nicht mehr so weh tun, sondern mir Kraft geben. Das versichern mir alle, die diesen Weg schon mal durchgemacht haben. Die auch im Club "Ohne Mama oder Papa sind". Oder ohne Lieblingsmensch.
Aber noch tun sie weh. Noch kann ich nicht gut dran denken ohne völlig aufgelöst in Tränen zu sein und wimmernd nach meiner Mama zu verlangen.
Ich fühle mich sehr klein. Als die kleine Hanna, die ihre Mama verloren hat und noch viel zu klein dafür ist.
Meine Mama ist nur 73 geworden. Ich finde das zu jung. Aber ich glaube, jedes Alter ist zu jung.
Ich freue mich darauf, wenn die Dankbarkeit größer wird, sich einen Platz neben dem gerade noch zerstörerischem Schmerz macht. Der allen Raum einnimmt.
Ich freue mich auf all die Erinnerungen, die mich dann lächeln lassen und nicht zum schnappatmenden Weinen bringen.
Meine Schwester und ich bekamen eine Flut an Nachrichten. Und das tat so gut. So so gut. Ich habe die Nachricht und meinen Schmerz ganz absichtlich in meinen Whats App Status gestellt. Weil ich meinen Schmerz regelrecht rausbrüllen muss. Ich kann da nichts mit mir selber ausmachen. Mir reichen die Nächte, die kleinen Momente der Ruhe, die mich völlig zerstören. Ich schöpfe Kraft aus dem Reden. Und jede einzelne Nachricht von Euch, Instagram, Whats App, Mamas Freundinnen und Freunde tun unglaublich gut.
Und sie zeigen uns auch, wie sehr unsere Mama gemocht wurde. Wenn ich mit ihren Freundinnen zusammen weine. Bilder geschickt bekomme von früher.
Liebe Worte über sie lese. Alles tut gut, gibt Trost.
Freunde, die für mich da sind, mir Kuchen vorbeibringen, mit mir reden, mich umarmen.
Ich bin gut eingebettet in Liebe. Das wusste ich schon davor, aber es JETZT zu spüren, wo man grade selber gar nichts zurückgeben kann, ist so so wertvoll.
Danke an Euch alle da draussen. Falls ihr das lest. falls ich den Beitrag öffentlich mache.
Mama, du bist tot. Allein der Satz ist für uns noch völlig unfassbar.
Ich habe ihr kurz vor ihrem Tod gesagt, dass es mir leid tut, dass ich oft so rebellisch war, kühl zu ihr, vielleicht nicht so die beste Tochter auf Erden. Sie meinte "Spatzerl, aber wir haben uns doch immer lieb gehabt".
Ja, das haben wir und tun wir immer noch.
Darf ich noch was erzählen?
Ich bin null esoterisch, ich glaube an nichts nach dem Tod. Was nicht unbedingt tröstlich ist, oder?
Aber vor einigen Wochen habe ich eine Mutter mit 2 Söhnen beerdigt und die liebte gelbe Schmetterlinge. Und während ich geredet habe auf der Trauerfeier flog ein gelber Schmetterling vorbei. Man muss dazu sagen, wir waren im Wald und da waren ganz viele gelbe Schmetterlinge. Insofern war das für MICH eher Zufall, den Söhnen hat es aber selbstverständlich wahnsinnig viel Trost gegeben.
Ich habe meiner Mama davon erzählt, als ich heimgefahren bin und sie musste schmunzeln, denn auch in ihrem Garten gibt es so viele gelbe Schmetterlinge. Aber ich meinte zu ihr, bei uns auf der Terrasse mitten in der Stadt gibt es keine. Höchstens Stinkwanzen und dunkle Falter.
In der Klinik bat ich meine Mama, mir ein Zeichen zu geben, dass es sie ist, wenn sie gestorben ist. Auch wenn wir beide nicht dran glaubten. Aber WENN es eine Möglichkeit gibt, sie mir zeigen soll, dass es ihr gut geht. Dass sie "DA" ist. Aber ich sagte ihr, ich brauch ein Zeichen, das ich VERSTEHE. Weil ich nichts interpretieren möchte. Ich ein sicheres Zeichen brauche, das auch ich als "naturwissenschaftliche" Person schlichtweg erkenne. Sie meinte, sie schickt mir definitiv eine gelben Schmetterling, weil es den ja nicht gibt bei uns auf der Dachterrasse. Gestern war ich daheim mit meinem Mann und Kind, wir haben unserem Sohn gesagt, dass die Oma tot ist. Er war auf der Couch gesessen und hat bitterlich geweint. Ich hab ihn fest umarmt und plötzlich ruft mein Mann (der meine Abmachung mit der Mama nicht kannte!), was DAS denn sei. Vor unserem riesigen Balkonfenster flog ein sehr großer gelber Schmetterling seine Kreise. Hin und her. Und umrundete dann von aussen unsere Wohnung (wir haben eine Dachterrasse, die um die ganze Wohnung geht).
Dieses Zeichen hab ich für mich verstanden. Ich denke, es war meine Mama. Meine Mama, die vielleicht doch noch irgendwie da ist.
Danke fürs Lesen. Danke, dass so viele von Euch da sind. Mich im Schmerz begleiten.
Ich vermisse meine Mama unglaublich. So sehr und es fühlt sich so unerträglich an. Ich weiss, das wird anders. Dass man da durch muss. Aber es ist so unschön.
Mama, ich hab dich lieb. Dieser Blogbeitrag ist für dich. Vielleicht liest du ihn noch. Wo auch immer du bist. Vielleicht liest du ihn von oben Korrektur.
Du fehlst mir. Danke, dass du meine Mama warst.
Deine Hanna





Liebe Hanna,
Es gibt gefühlt nie die richtigen Worte die zum Ausdruck bringen wie sehr der Tod das Leben beschneidet, dem Leben aber auch die Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit geben. Hinterlässt er doch eine unerträgliche Leere und Sinnlosigkeit für die Hinterbliebenen.
Egal wie alt man ist, wenn die Mama geht, man bleibt doch immer das Kind und möchte sich gerade im Erleben der starken Trauer genau in die Umarmung der Mama als Trost begeben, die nicht mehr da ist!
Trauer ist die Liebe, die man noch zu geben hat!
Wir sind in Gedanken bei euch und halten Ausschau nach dem gelben Schmetterling.
Vielleicht trifft er bald auf den kleinen weißen Schmetterling, der uns begleitet und die zwei Freundinnen können herzlich über…
Mir fehlen leider die passenden Worte und meine Tränen laufen nur so ♥️
Liebe Hanna,
dein Verlust tut mir sehr leid. So ein schöner, echter Text. Und dann die Geschichte mit dem Schmetterling, das lässt mich ungläubiger Mensch wirklich zweifeln, ob da nicht doch „mehr“ ist. Ich wünsche dir viel Kraft und dass du dir weiterhin erlaubst, so zu trauern, wie es für dich gut ist.
Ganz liebe Grüße 🫶🏻
Liebe Hanna, man liest deinen Schmerz heraus und geht gleichzeitig mit hinein. Das hast du wunderbar geschrieben. Ich habe den Schmetterling vor meinen Augen gesehen. Und geweint, weil ich es gleichzeitig traurig und wunderschön finde. Ich hoffe und wünsche dir, dass die Dankbarkeit bald ihren Platz findet. Dir und deiner Schwester ganz viel Kraft!