Wenn ein Suizid den Freundeskreis erschüttert: Ein kleiner Leitfaden für echtes Dasein.
- hannalabita80
- 4. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Trauergespräch als Trauerrednerin mit einer Familie, bei der die Mama durch Suizid gestorben ist.
Auf diesen Moment wurde ich vorbereitet. Durch meine Trauerbegleitungsausbildung. Und durch die Ausbildung zur Freien Rednerin.
Theoretisch.
Praktisch saß ich am Tisch dieser Familie und habe – wie ich es sonst auch tue – nach der Todesursache gefragt.
Die Familie schwieg erst. Dann kam leise der Satz: "Unsere Mama hat Suizid begangen".
Kurze Stille. Ich war äußerlich ruhig, innerlich aber ziemlich aufgewühlt. Denn es war mein erster Suizid.
Ich hab tief eingeatmet und langsam genickt.
Die Familie hat mich angeschaut. Und gefragt: "Wir haben es dir absichtlich nicht vorab gesagt, weil wir Angst hatten, dass Du dann die Rede nicht übernimmst".
Und genau das drückt das aus, wie Suizid in unserer Gesellschaft immer noch gesehen wird. Als Tabuthema und als etwas, was versteckt gehört. Etwas zum sich schämen als Zurückgebliebene.
Suizid als Tabuthema
Jetzt stellt euch vor, genau das passiert in eurem Freundes- oder Bekanntenkreis. Ein naher Mensch stirbt durch Suizid.
Und ihr wollt da sein. Aber ihr seid unsicher. Verdammt unsicher.
Weil ihr nicht wisst, ob ihr den Suizid ansprechen dürft.
Weil er wie ein Elefant im Raum steht. Und immer größer wird.
Weil ihr Angst habt, etwas Falsches zu sagen. Oder etwas zu sagen, das weh tut.
Mit diesem Blogbeitrag möchte ich euch zeigen, wie ihr eure Freunde bei einem Suizid begleiten könnt und euch etwas an die Hand geben.
Ein bisschen mehr Sicherheit und ein bisschen mehr Mut.
Und ich möchte euch danken. Dafür, dass ihr euch überhaupt Gedanken macht. Dass ihr euch Zeit nehmt, hinzuschauen – statt wegzusehen.
Das spricht sehr für euch.
Warum die Begleitung von Angehörigen bei Suizid so sensibel ist
Weil die Zurückgebliebenen mit einem ganzen Blumenstrauss an Gefühlen kämpfen.
Schuld.
Wut.
Scham.
Reue.
Tiefe, tiefe Trauer.
Viele dieser Gefühle gibt es auch bei anderen Todesursachen.
Aber bei Suizid sind gerade die „schwer auszuhaltenden“ Gefühle oft besonders stark.
Weil der Tod vermeintlich „freiwillig“ war. Und weil sie sich so oft fragen "Hätte ich es MERKEN müssen?"
Und weil so so viele Fragen einfach bleiben. Die nicht mehr beantwortet werden können. Das WARUM ist riesig!
Und weil Angehörige oft in endlosen Was-wäre-wenn-Gedanken festhängen.
Und genau deshalb ist für Begleitende eines so wichtig:
Zuhören.
Da sein und aushalten.
Die Wut anhören und die Schuldgefühle stehen lassen.
Und immer wieder vermitteln: alle Gefühle dürfen da sein.
Warum wir nicht von „Selbstmord“ oder „sich umbringen“ sprechen sollten
Vielleicht habt ihr es schon gehört und vielleicht irritiert es euch sogar ein bisschen.
Warum sagen viele Fachleute bewusst nicht mehr„Selbstmord“ oder „sie hat sich umgebracht“?
Weil Worte eine große Wirkung haben und auch Macht.
Das Wort Selbstmord trägt das Wort Mord in sich.
Und Mord ist ein Verbrechen und somit etwas Böses. Etwas, das verurteilt wird.
Für Angehörige fühlt sich dieses Wort dann sehr oft an wie ein zusätzlicher Schlag. Als würde der verstorbene Mensch – und manchmal auch sie selbst – noch einmal angeklagt werden.
Auch „sich umbringen“ ist hart, da es so gewaltvoll klingt.
Es reduziert einen hochkomplexen inneren Leidensweg auf eine einzige, brutale Handlung.
Suizid hingegen ist ein neutraler, fachlicher Begriff. Und vor allem tut er eines nicht: er bewertet nicht und vor allem er verurteilt nicht. Er lässt Raum und macht etwas ganz Wichtiges sichtbar: dieser Mensch war in einer Ausnahmesituation. In einer seelischen Not, die für Außenstehende oft kaum vorstellbar ist.
Wenn wir von Suizid sprechen, nehmen wir Druck aus der Sprache. Und damit auch ein kleines Stück Druck von den Zurückgebliebenen.
Was ihr stattdessen tun könnt im Umgang mit Suizid im Freundeskreis
Ihr müsst keine perfekten Worte finden. Die gibt es nicht. Ihr müsst sogar GAR KEINE Worte finden. Es reicht, wenn Ihr
zuhört, ohne zu korrigieren
aushaltet, ohne Erklärungen zu liefern, für was, was sich nicht gut erklären lässt.
da seid, ohne nach Lösungen zu suchen, weil es gerade keine Lösungen gibt.
umarmen, ganz fest.
ein Taschentuch reichen, wenn Tränen fliessen.
Schreie aushalten, wenn die Wut kommt.
Was mir an dieser Stelle noch sehr am Herzen liegt
Ihr werdet Menschen begegnen, die unter dem Deckmantel von Mitgefühl eigentlich ihre eigene Neugier stillen wollen. Die Fragen stellen, die nicht helfen und die Details wissen möchten, die niemandem guttun.
Ihr dürft eure Freunde davor schützen, so gut es geht.
Ihr dürft Gespräche abkürzen und auch Antworten offenlassen. Oder klar sagen:„Darüber möchte sie gerade nicht sprechen.“
Das ist kein Abweisen, sondern Fürsorge und Schutz.
Und last but not least: Vertraut euch selbst und eurem Bauchgefühl und eurem Herzen.
Fragt euch nicht ständig, ob ihr alles richtig macht.
Fragt euch lieber: Was würde mir jetzt guttun, wenn ich an ihrer Stelle wäre?
Oft liegt genau darin der richtige Impuls.
Ihr müsst und könnt nichts reparieren. Aber ihr könnt da sein.
Ich hoffe, ich konnte euch neue Impulse geben und ein bisschen Sicherheit an die Hand geben, falls ihr mal in so eine Situation kommen solltet oder vielleicht schon mittendrin seid.
Vielleicht nimmst du dir heute einen Moment Zeit und denkst an jemanden, der gerade eine schwere Zeit durchmacht. Manchmal braucht es keinen klugen Rat, sondern nur eine Nachricht mit den Worten: ‚Ich denke an dich und halte das Dunkle mit dir aus.‘
Wenn dieser Beitrag dir geholfen hat, teile ihn gerne mit Menschen, denen er gerade Mut machen könnte.
Alles Liebe, eure Hanna




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